Postfaktische Zeiten

 

Harms Gaede schreibt am 25.12.2016:

Postfaktische Ängste und träge Demokraten

Wir leben in seltsamen Zeiten …  Der Überfluss quillt aus den Ladenregalen ohne Umweg direkt in die Abfalltonnen und die Herberge für die Flüchtenden wird unter Absingen “abendländischen Liedgutes” in Brand gesteckt. “Das Boot ist voll.” – im Mittelmeer – aber hier? Mir kommt als Sohn eines “Ostvertriebenen” immer wieder die alte Schulkarte in den Sinn, die ich vor einiger Zeit an der Universität zufällig wieder sah:

 

  

8.100.000 “Zuwanderer” kamen in die zerbombte spätere “Bundesrepublik” , 4.600.000 Wohnungen fehlten (heutiger Fehlbestand 1/10 davon – nach Rückzug der öffentlichen Hand aus dem Sozialwohnungsbestand) und selbst die Grundnahrung war über lange Zeit sehr knapp. Geschichten der Eltern und Berichte dieser Zeit belegen das sehr anschaulich. Es war auch noch nicht so, dass “die Evangelischen vom Osten” als Christenmenschen herzliche Aufnahme fanden… Von einer angeheirateten katholischen Verwandten wurde mir beispielsweise erzählt, dass sie ca.1960 von einem Arztbesuch aus der (evangelischen…) Kreisstadt St. zurück nach M. kam und ganz erstaunt gewesen sei, dass die Leute dort ja auch eigentlich ganz freundliche gewesen seien. Ja, die Fremden da in der Ferne…  Ein heftiges Strassenstatement der letzten Tage dazu: “Ich will die Fremden gar nicht kennenlernen – dann kann ich sie nicht mehr hassen.”

Bewahren des Gestrigen als Waffe gegen das Neue, das Angst macht, ist eine ungeeignete Bewältigungsstrategie. Es scheint partiell (wieder) eine Sehnsucht nach einfachen Lösungen und grossen Drachentötern zu geben. (interessant hierzu:  http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/lebenszeichen/drachen-106.html )  Abschottung ist angesagt, nach Ungarn steht man nun fassungslos vor Polen. Der WDR fasst das in einer Sendung sehr eindrucksvoll zusammen :

“…Seit einem Jahr regiert in Polen mit absoluter Mehrheit die PiS, die Partei für Recht und Gerechtigkeit. Die Nationalkonservativen haben das Land im Würgegriff und treiben es zunehmend in die Isolation, warnt die Opposition. … Die PiS unter dem neuen eigentlichen Machthaber in Polen Jaroslaw Kaczynski untergräbt die Demokratie auf allen Ebenen – Politik, Justiz, Medien, Kultur – mit den Mitteln der Regierungsgewalt.  … Obwohl auch die ökonomische Stabilität des Landes durch die Wirtschaftspolitik der PiS-Regierung mittlerweile gefährdet ist, sieht die Mehrheit der Bevölkerung dem Durchmarsch der Rechtspopulisten in Warschau tatenlos zu. Mehr noch: Die konservative katholische Bevölkerung auf dem Land ist hocherfreut über Familienzulagen. “

Die Sendung ist m.E. sehr anhörenswert : http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/ein-jahr-pis-regierung-in-polen-100.html

Aber was macht man nun als Demokrat in postfaktischen Zeiten? Die Amerikaner haben uns die “moderne Demokratie” gebracht  und es zeigt sich heute auch dort, dass die Angst vor weiterer Veränderung es wohl verhinderte, sich wieder mutig und weise der Zukunft zu stellen – doch diese ernste Verirrung ist wohl viele weitere Beiträge wert…  Und wir hier müssten eigentlich unsere demokratischen, christlichen, humanistischen, abendländischen Hintergründe betrachten und fragen: welche Werte haben die Menschheit mit ihrer Verantwortung für die Eine Welt weitergebracht. Diese Betrachtungen lassen sich nicht aus dem Ärmel schütteln, aber die allgemeinverständliche Darstellung der Ergebnisse sollte ein edles Ziel jedes Forschenden sein. Nur so erhalten wertige Werte und das Faktische eine angemessene Verbreitung. Zur Zeit scheint es mir eher so, als seien wir wie gelähmt bei der faktischen Verteidigung der Werte, die wir quasi automatisch auch mit der Demokratie verbanden. Eine postfaktische Rutsche in die “gestrige” Zukunft also auch bei uns? …

Wir leben in seltsamen Zeiten – es kann niemand sagen, wir hätten die Fakten nicht erhalten können…

Harms Gaede ergänzt am 11.1.2017

Eine kurze, interessante Analyse des postmodernen Lebensgefühls fand sich in einem Wortbeitrag von Stefan Jürgens am 11.1.2017 in WDR5. Sie mündet im Appell, die drei göttlichen Tugenden  “Glaube, Hoffnung, Liebe” mit der Geduld zu verbinden. Hilfreiche Anmerkungen zum Leben in dieser Zeit…           ( höre:      http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-kirche-in-wdr-3-4-5/index.html       dort in der Suchfunktion eingeben:     Stefan Jürgens 11.01.2017    )